Devlin

In einem ländlich (und weltlich) abgeschiedenen, katholischen Waisenhaus in Flandern lebte ein kleiner Junge. Er war zehn Jahre alt, mochte süßes Gebäck und Fußball und las gerne Abenteuergeschichten. Er lebte schon lange dort, so lange, dass er sich nicht mehr an andere Orte erinnern konnte. Seine Eltern waren gestorben, als er vier Monate alt war. Sie waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihn hatte man ins Krankenhaus gebracht. Überhaupt hatte er viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Verreist war er noch nie, und er hatte den Traum aufgegeben, irgendwann einmal fortzugehen, so wie er die Hoffnung aufgegeben hatte eine Familie zu finden. Keine hatte ihn jemals haben wollen. Auch nicht, als die meisten vergessen hatten, wer (oder besser: was) er war. Die Nonnen hatten es ihnen zugeflüstert. Die anderen Kinder waren irgendwann adoptiert worden und weggegangen. Er aber war immer geblieben.

 

Sein Name war Devlin, und er war ein Teufelchen.                          

 

Gibt’s nicht? Auf jeden Fall war Devlin der Junge, der vor zehn Jahren Schlagzeilen als Hellboy gemacht hatte, weil er mit einem Schwanz auf die Welt gekommen war. Hörner hatte er nicht, auch keinen Pferdefuß. Er war auch nicht rot oder hatte ein Fell, aber er hatte einen mittlerweile 35cm langen Schweif mit einer gezackten Spitze. Seine Eltern hatten ihn geliebt (das hoffte er jedenfalls) und hatten ihn stolz der Welt präsentiert. Er hatte seinen eigenen Instagram-Account, bevor er krabbeln konnte. Und einen YouTube-Channel. Seine Eltern hatten Bilder aus dem Krankenhaus gepostet von einem blutigen Bündelchen, bei dem Nabenschnur und Schwänzchen kaum zu unterscheiden waren, und später von einem in ein weiches Nici-Tüchlein gerollten Wesen. Sein unterer Rücken mit dem ungewöhnlichen Auswuchs war in den meisten zu sehen. Es gab Fotos von einem Zuhause, an das sich Devlin nicht erinnern konnte, von einem bäuchlings schlummernden Baby mit hellem Haar und einem Schleifchen am Schwanz. Es gab auch Fotos, auf denen er angezogen war, aber auf denen war er einfach ein normales Baby, und sie hatten nicht so viele Likes bekommen. In den Videos schlief er in der Regel, in einem wurde er gebadet und hielt seinen Schweif in der Hand. Es waren harmlose Zeugnisse einer unfreiwilligen Medienpräsenz und eines anderen Lebens. Mit dem Tod seiner Eltern hatte Devlins Leidensweg begonnen. Als klar war, dass er den Zusammenstoß unversehrt überstanden hatte, und, dass es keine weiteren Angehörigen gab, hatten sich Wissenschaftler auf das Teufelchen gestürzt, es untersucht und studiert und (als sie daran gescheitert waren es zu dressieren) aufgezogen. Nach zwei Jahren hatten sie das Interesse verloren und es eine Weile in Ruhe gelassen. Das Waisenhaus war seither sein Wohnsitz gewesen, und die Nonnen hatten sehr gut daran verdient, ihn an Ärzte und Scharlatane zu vermieten. Als er sechs war, größer und kräftiger als ein Neugeborenes, hatte die zweite Versuchsrunde stattgefunden. Devlin erinnerte sich an große Hände in stabilen schwarzen Gummihandschuhen, die ihn im Nacken packten, seine Ärmchen gegen den kalten OP-Tisch pressten oder seinen Schwanz betasteten. Immer und immer wieder. Sie hatten ihn gemessen, hatten an ihm gezogen bis die Wirbel ausgerenkt waren, hatten ihn gekniffen, mit Nadeln gestochen und Stückchen aus ihm herausgeschnitten. Devlin war in der Regel bei Bewusstsein gewesen – solange, bis der kleine Körper die Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte. Was sie dann mit ihm gemacht hatten, wusste er nicht genau, aber mehrfach war er mit Magenschmerzen aufgewacht; sein Gedärm hatte weh getan; andere Male war sein Hals wie geschwollen gewesen und er hatte nicht sprechen können. Bei mehr als einer Gelegenheit hatten sie ihm Zähne ausgeschlagen. Die Lücke vom letzten Mal war immer noch da. Er hatte auch andere Verletzungen gefunden. Pflaster hatten Einschnitte und Nähte verdeckt. Irgendwann waren sie verheilt, aber die Narben waren geblieben, und tiefer noch als die Wunden auf seiner Haut waren die Wunden, die all das auf seiner Seele hinterlassen hatte. Devlin fürchtete sich vor dem Einschlafen. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein, vor der Einsamkeit. Er fürchtete sich vor seinen Träumen, die in Wahrheit Erinnerungen waren. Er hatte Angst vor Männern in Arztkitteln und Frauen im Habit. Er hatte Angst vor anderen Kindern und ihrer Bosheit und Gefühllosigkeit. Er hatte Angst Fehler zu machen und Angst vor Strafen, Schlägen, Tritten, heißen Duschen. Er hatte Angst ausgelacht zu werden. Er wusste, dass er anders war, dass er weniger wert war als andere Kinder (das hatte man ihm oft genug gesagt), dass er hässlich war, dass er albern aussah mit seinen spitzen Eckzähnen und seinem Schwanz, dass er lächerlich war. Weil er nie biss, wenn sie an seinem Schwanz zogen oder ihm auf den Kopf schlugen. Weil er nicht kratzte, wenn man ihn festhielt oder trat. Weil er kein Feuer spie, wenn man ihn kränkte. Ein hilfloser kleiner Teufel, der eher zusammenzuckte als anderen Schaden zuzufügen. Er hatte Angst sich zu wehren, Angst davor, was kam, wenn er versuchte, die Dinge zu ändern. Angst. Angst. Angst. Die Angst ließ ihn wachbleiben, seine Fingernägel abkauen, seine Knie vor Nervosität zittern. Sie ließ ihn bei lauten Geräuschen erschrecken und bei Stille sein Herzchen rasen. Er war gefährlich, der Inbegriff des Bösen, und er würde töten, schänden und zerstören. Das hielten die Nonnen ihm tagtäglich vor, und Devlin fragte sich, ob er wirklich böse war und ob Gefahren von ihm ausgingen. Vielleicht war er tatsächlich ein Ketzer und Mörder. Diese Vorstellungen jagten ihm die größte Angst ein.

 

Devlin war immer ein Außenseiter gewesen, ein Einzelgänger, der eigentlich keiner sein wollte, aber immer, wenn er Freunde gefunden hatte, waren die Nonnen dazwischen gegangen und hatten die anderen Kinder von ihm ferngehalten. Sie hatten ihnen erzählt, wie gemein er war, und sie hatten ihnen Spielsachen versprochen, wenn sie sich nur von ihm abwandten. Wenn Besucher kamen, hatten sie ihn in den Keller geschickt, und wenn ihm doch einmal Fremde mit Wohlwollen begegneten, hatten die Nonnen ihnen kopfschüttelnd von ihm abgeraten. Ein schwieriges Kind, hatten sie immer gesagt. Dabei hatte Devlin nie Probleme verursacht. Er war genügsam und friedlich. Er weinte nicht (oder zumindest nicht in Anwesenheit anderer). Er bekam keine Wutanfälle. Er hatte nie jemanden geschlagen, und er hatte nie gestohlen. Im Gegensatz zu den anderen Kindern. Einmal hatte eine Familie echtes Interesse an ihm gezeigt. Sie war ihm im Küchengarten begegnet, wo er gerade Möhren geerntet hatte, und die Mutter hatte ihn „niedlich“ gefunden – mit seiner Schürze und der kleinen Schaufel und einer riesigen dicken Möhre in der Hand. Sie hatte sich zu ihm gekniet und sich mit ihm über den Garten unterhalten. Es war schön gewesen mit jemandem zu sprechen, und dann hatte sie einen Witz gemacht, und er hatte lachen müssen. Devlin erinnerte sich noch gut an ihren Gesichtsausdruck, als sie seine Eckzähne gesehen hatte. Ihr Gesicht war erstarrt und ihr Lachen erstorben. Sie war aufgestanden und wortlos weggegangen. Nicht einmal tschüss hatte sie gesagt – oder leb wohl. Die Nonnen hatten sich gefreut und hatten ihm vorgehalten, dass er als Teufelsjunge sich nicht zu wundern brauchte. Keine Familie wollte einen kleinen Jungen mit spitzen Zähnen, und selbst wenn, dann wäre ihre Geduld aber am Ende, wenn sie den Schwanz sähen. In der Nacht hatte sich Devlin leise in den Schlaf geweint und gebetet, dass er an seinem gebrochenen Herzen sterben würde. Wenn ihn doch niemand liebhatte, wozu sollte er dann leben?

 

Ich kann dich leiden,“ hatte der alte Gärtner gesagt und ein unbeeindrucktes Gesicht gemacht. Er hatte Devlin die kleine Schaufel in die Hand gegeben und auf das Kartoffelfeld genickt, „weitermachen.“ Und so hatte Devlin weitergemacht. Er hatte gelernt Möhren, Tomaten, Erbsen und Bohnen zu ziehen, Kartoffeln und Kürbisse anzubauen, Obstbäume und -sträucher zu pflegen, zu sähen, zu ernten, schonend gegen Schädlinge vorzugehen (mit Bier gegen Schnecken, Lavendel gegen Motten, Kreide gegen Raupen, Flatterbändern und Windspielen gegen Vögel und einer Katze gegen Mäuse), und er hatte die Natur liebgewonnen. Gerne hätte er den kleinen Wald am Ende des Grundstücks erkundet, aber seine Fußfessel ließ nur den Aufenthalt im Küchen- und im Obstgarten zu. Der Gärtner erzählte dem Jungen viel von der Provence, von Zitrusfrüchten in Süditalien, Palmen und Olivenbäumen, dem wilden Atlantik und von Freiheit. Er schenkte ihm sogar ein Buch mit wunderschönen Bildern von Marjolein Bastin. Die Landschaftsdarstellungen faszinierten den Jungen ebenso wie die Detailzeichnungen von Tieren und Blumen. Eines Tages würde er auch reisen, versicherte der Gärtner ihm immer, und Devlin nickte dann aus Angst, dass Widerspruch seinen einzigen Vertrauten vergraulen würde. 

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